CW häusliche & sexuelle Gewalt
Sie kennen dieses Bild hier oben links seit etwa 20 Jahren. Das auf einem Töpfchen sitzende und Skiprospekte betrachtende Kleinkind bin ich im zarten Alter von ungefähr einem Jahr. Kürzlich stieß ich wieder auf die alten, inzwischen digitalisierten Fotos, weil ich gedanklich durch unwägbare Umstände wieder in meiner Vergangenheit wühle. Das folgende Foto zeigt mich im zarten Alter von neun Monaten. So begrüßte ich jeden Morgen die Welt:

Dieses Foto liebe ich sehr. Das Kind, das sich an den Gitterstäben seines Bettchens hochzieht und aus vollem Herzen lacht, das mit neugierigen Augen und offenem Herzen die Welt entdecken möchte, weiß noch nichts von dem, was es erwartet. Als ich meine derzeitige Traumatherapie begann, war mein Ziel, dieses Kind wieder in mir zu finden.Doch der Weg zur Weisheit geht mitten durch die Hölle. Natürlich wird niemand vor dem Schweren bewahrt und ewig kindlich naiv bleiben. Vielmehr geht es um die Wandlung, die Katharsis, wie schon die alten Griechen wussten. Obwohl so manche Person auf dem Weg steckenbleibt, sich in Sarkasmus flüchtet oder in Machtdemonstrationen verfängt, ist das noch lange keine echte Entwicklung. Am Ende ist es die Versöhnung mit allem, das uns zu empathischen Wesen werden lässt. Die Chance ist, durch die Narben etwas von dem weitergeben zu können, was wir selbst am dringendsten gebraucht hätten.
Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich mit mir selbst denn klarkäme. Im Großen und Ganzen ja, wobei mir das mal besser und mal schlechter gelingt. Ich bin nicht immer zufrieden mit mir, kann aber heute etwas in mir selbst generieren, das ich mein ganzes Leben vermisste. Generell fühle ich mich heute sicher und liebenswert, was mich weitestgehend vom Wohlwollen anderer unabhängig macht. Selbstverständlich suche ich als soziales Wesen Verbindungen zu Anderen, der Mensch ist ja keine Insel. Auch wird mir Ablehnung und Verurteilung durch mir wichtige Menschen immer wehtun. Im Unterschied zu früher bin ich bei der Erfüllung meiner Grundbedürfnisse nach Liebe und Anerkennung einerseits nicht mehr auf Andere angewiesen, andererseits besitze ich die Fertigkeit, schädliche Einflüsse zu erkennen und mich davon zu distanzieren. Dem war nicht immer so, vor allem weil ich über die Dauer meiner Sozialisation lernte, schädliche Einflüsse mit Normalität und egoistische Machtausübung mit Liebe gleichzusetzen. Vor allem aber kann ich differenzieren zwischen meinem Selbstwert und dem Verhalten anderer mir gegenüber.

Zum Zeitpunkt meiner Einschulung glaubte ich, das Schlimmste in meinem Leben überstanden zu haben. Meine Mutter, geschieden und stark traumatisiert, kümmerte sich so gut sie konnte um die nötigen Rahmenbedingungen, sorgte für finanzielle Mittel und Unterkunft. Für meine kleine Kinderseele war meine Oma zuständig, die Mutter meines Vaters. Mein sicherer Ort lag zeitlebens in ihren Händen, in ihrem Herzen. Während meine Mutter also von Montag bis Freitag arbeitete, lebte ich bei meiner Oma. Es kam mir vor wie im Paradies, denn zuvor verbrachte ich nur das Wochenende von Freitag bis Sonntag bei meiner Oma. Am Wochenende eskalierte mein Vater alkoholisiert am heftigsten – oft genug im Blog beschrieben, möchte ich hier auf all die Monstrositäten, auf die häusliche Gewalt und die physischen wie psychischen Wunden nicht eingehen.
Seltsamerweise vermisste ich meinen gewalttätigen Vater. Er schenkte mir mein erstes Lexikon, in das ich vorne in Schreibschrift von meinem lieben Pappi krakelte. Seine Besuchszeiten hielt er nur ein, um damit noch etwas Einfluss auf uns, auf mich nehmen zu können. Je mehr Zeit verging, umso öfter blieb er ohne Entschuldigung fern. Gelernt habe ich damals, dass Männer unzuverlässiger werden, je stärker man sie vermisst. Ausserdem lernte ich, wie mich ein Mensch dazu bringen kann, mich selbst zu verletzen und die Schuld daran mir zu geben. Die Erinnerung in Form eines fehlenden Stückes Schneidezahn ist heute noch sichtbar. Die schlimmste Lektion hieß aber schon immer, über Vergangenes wird nicht geredet. Mit wem sollte ich also über all das Leid sprechen, das ich erlebte? Ich hatte keine Geschwister, vor Aussenstehenden wurde die familiäre Situation verheimlicht, meine Oma litt ebenso wie ich unter dem Verhalten ihres Sohnes, und ich schämte mich.

Als der Vater meiner Mutter starb, traten wir, meine Mutter, ihre Mutter und ich, vom Erbe die erste große Fernreise an. Auf dem Bild bin ich mit der Großmutter und deren Schwester vor dem Abflug in München-Riem zu sehen. Eine Safari in Kenia war damals den Betuchten vorbehalten, den Großwildjägern und Abenteurern. Da die Großmutter aber sehr viel Afrikaromane las, war ihre Neugier auf den unbekannten Kontinent geweckt. Ich weiß heute noch nicht, wie sie sich die Reise für drei Personen aus dem Verkauf der Schreinerwerkstätte meines Opas hat leisten können. Es muss wohl mit Prioritäten zusammenhängen, denn ich kann mich erinnern, wie für Kleidung und Essen jeder Pfennig vor Ausgabe erst zweimal umgedreht wurde. Kurz nach unserer Rückkehr geschah etwas, das ich lange nicht in Worte fassen konnte. Nicht meiner Oma und schon gar nicht meiner Mutter gegenüber. Die Großmutter mütterlicherseits war nicht nur dem Alkohol verfallen, sondern stand in jener Zeit auch unter Einfluss starker Psychopharmaka. Eine gefährliche Mischung, von der meine Mutter wusste, als sie mich in ihre Obhut gab. Es würde der Großmutter halt gut tun, wenn ich einen Tag bei ihr verbrächte.
An einem schönen Sommerferientag wurde ich, neunjährig, von der unzurechnungsfähigen Großmutter in Geiselhaft genommen, mit einem Messer bedroht und beschimpft. An Verlassen der Wohnung und Benutzung des Telefons gewaltsam gehindert, durfte ich erst nach ihrem Sturz und meinen erfolglosen Versuchen, die klaffende Kopfwunde mit Pflastern zu versorgen, schließlich eine alte Nachbarin hinzuziehen. Der alten Frau fiel nicht viel mehr ein als die Großmutter mit Brettspielen abzulenken, während ich meine Oma anrief. Da ich nicht offen sprechen konnte, fragte ich mit unschuldiger Stimme, ob das Wetter denn schön sei, dort wo sie war und ob ich denn bald heimkommen dürfe. Die Oma wusste sofort, dass da etwas nicht stimmen kann, organisierte ein Auto mitsamt Fahrer in der Verwandtschaft und ließ mich abholen. Alles weitere entzieht sich meiner Erinnerung. An diesem Tag lernte ich, dass ich mich mit Worten schützen und verteidigen kann. In einer anderen Situation aus Studienzeiten redete ich beispielsweise so lange auf meinen potentiellen Vergewaltiger ein, bis der die Handfeuerwaffe sinken und mich unbeschadet frei ließ. Gesprochen habe ich über den Vorfall bei der Großmutter erst sehr viel später, da war es ihrer Meinung nach doch schon viel zu lange her für Vorwürfe. Und meine Mutter hat ihr Kind geopfert, um die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter zu erhalten.

Die nächste große Fernreise traten meine Mutter und ihr damaliger Partner mit mir an, kurz bevor meine Herzensoma krank wurde. Sie starb ein Jahr später nach wiederholt langen Krankenhausaufenthalten. Am Sterbebett durfte ich nicht sitzen, denn das sei nichts für Kinder. Dabei hätte ich gerne ihre Hand bei ihrer letzten Reise gehalten. Auf dem Roadtrip durch den Westen der USA war ich zwölf Jahre alt und am Beginn meiner Pubertät. Ich schämte mich, wie es halt als Teenager so üblich ist. Doch verschlossene Badezimmertüren erlaubte meine Mutter nicht. Ich solle nicht so g’schamig sein, meinte sie, während ihr Freund jede Gelegenheit nutze, um dort als Lehrstück einzudringen. An anderen Tagen präsentierte er sich mir nackt mit unübersehbarer Erektion, sich an meiner Verlegenheit ergötzend. Viel später begriff ich, dass dieses von ihm an den Tag gelegte Verhalten als Grooming bezeichnet wird. Eine Therapeutin beantwortete meine Frage nach seinen Motiven lapidar mit den Worten: „der stand halt nicht auf Frauen, sondern auf kleine Mädchen“. Beruflich war er freigestellter – wen wundert’s -Mathelehrer, hielt sich mit Nachhilfestunden und wissenschaftlichen oder Fotoaufträgen über Wasser und heiratete später eine 18 jährige Philippina. Die binomischen Formeln trichterte er mir während der langen Autofahrten über die Highways ein, denn die seien ganz bestimmt schon im Unterricht Gegenstand gewesen. Tatsächlich war das Stoff der Klasse nach den Sommerferien. Die Formeln werde ich allerdings nie wieder vergessen. Ich wollte unbedingt gefallen, fawning heißt die Überlebensstrategie im Fachjargon. Ab dem darauffolgenden Schuljahr litt ich bis zum Abitur in jeder Matheklausur unter Aussetzern, die sowohl dem Nachhilfe- als auch dem Klassenlehrer unerklärlich waren. Am fehlenden Verständnis oder gar Intelligenz lag es jedenfalls nicht.
Und wieder konnte ich mit niemandem darüber reden. Nicht mit der kranken, abwesenden Oma und nicht mit der Mutter, die mir bei jedem Konflikt Eifersucht unterstellte. Sicher war ich eifersüchtig. Ich war alleine und hätte dringend eine Vertrauensperson gebraucht. Die einzig verfügbare Person war jedoch mehr mit ihren Liebhabern beschäftigt, die ich bitteschön nicht vergraulen sollte. Damals schloss sie mich hochoffiziell aus ihrem Leben aus, wie sie mir erklärte. Natürlich bezahlte sie meine Verpflegung, meine Ausbildung und sogar den Instrumentalunterricht, doch gab es zwischen uns keinerlei emotionalen Austausch. Als die Oma starb, war ich vollkommen auf mich gestellt und schwieg ein Jahr lang. Die schulischen Leistungen sackten in den Keller, Mitarbeit mangelhaft, kein Interesse an sozialen Aktivitäten, meine Nagelhaut blutig und meine Mutter drohte mir mit dem Gang zum Psychiater, wenn ich nicht endlich wieder zu sprechen begänne.
Vom pädophilen Mathelehrer hatte sie sich getrennt, ein loser Kontakt bestand jedoch immer noch. Mit 15 besuchte ich ihn in einer abgelegenen Neubausiedlung. Er machte gute Fotos und ich wollte eines meiner Mutter schenken. Ich sollte mich auf den Boden legen und mich ausziehen. Mir erschien das etwas merkwürdig für ein Portrait, weshalb ich nur den Pulli ablegte. Erst als er sich, nur im Bademantel bekleidet, auf mich setze, seine Knie meine Arme fixierend, und mir seinen Schwanz ins Gesicht drückte, wusste ich, dass es längst nicht mehr um Portraitaufnahmen ging. In seiner Wohnung war ich ihm schutzlos ausgeliefert. An die folgenden Ereignisse habe ich keine Erinnerung mehr. Es war nicht der einzige aber der erste sexuelle Missbrauch, den ich am eigenen Leib erfuhr. Fast zwanzig Jahre später, während ich mich einer Analyse unterzog, erzählte ich meiner Mutter von dem Vorfall. Ich fragte sie, ob sie jemals Missbrauch erlebt habe. Da waren Bilder von Vergewaltigungen durch meinen Vater in meinem Kopf, bei denen ich als kleines Kind daneben stand, und dass mein Vater sie einmal beinahe umgebracht hätte. Sie entgegnete, ob ich den Freund denn mal nach seinen Motiven gefragt hätte, denn sie hätte ihn als einen Menschen kennengelernt, der immer nur ihr Selbstbewusstsein habe stärken wollen. Und ich schämte mich für das, was mir widerfahren war.
Wenn mir heute in den Medien die jüngsten Ereignisse auf der Startseite entgegenspringen, fühle ich mich überfordert. Jeder und Jede muss seine Meinung zu den Fällen Pélicot, Epstein und Ulmen kundtun, wobei hier immer betont wird, wie wichtig es sei, nicht mehr zu schweigen und sich zu positionieren. Über die Manipulation und Behandlung von Frauen sollen wir auch nicht schweigen, denn Schweigen bedeutet, dass die Schneise der Zerstörung in den Seelen der Betroffenen bleibt, dass sich Mechanismen wiederholen können und die Verursacher vor den Konsequenzen verschont bleiben. Aber müssen denn Alle auf einmal ihre Ansichten dilettantisch und effektheischerisch hinausposaunen, ohne irgendeinen Gedanken an stille Betroffene zu verschwenden, denen durch Exposition andauernd der seelische Wundschoft abgezogen wird?
In meiner derzeitigen Traumatherapie fand ich den sicheren Ort, an dem ich meine mir selbstauferlegte Härte loslassen kann, mit der ich all die Gefühle wegdrängte, die durch unermesslich schlimme Erlebnisse entstanden. Diese Gefühle überschwemmen mich jetzt mit solcher Wucht, dass es mich von den Füßen gerissen hat. Jüngst freigeschaltetes Feature: soziale Ängste. Ich kann mich nur noch unter großem Energieaufwand unter Menschen bewegen. Was das für meine Arbeit als Flugbegleitung bedeutet, muss ich nicht erklären. Andererseits bin ich schon so weich, durchlässig und nachgiebig, dass ich mir die vielen Male verzeihe, die ich eben nicht nach draussen gehe, obwohl es mir gut täte und ich derartige Vorhaben früher mit eiserner Disziplin vollzogen hätte. Ich kann nicht nur andere wohlwollender betrachten, sondern vor allem mich selbst. Männerhass liegt mir fern. Ich verabscheue die Taten und kann doch zwischen Menschen und ihrem Verhalten unterscheiden. Das bedeutet nicht, dass ich es entschuldige, es heißt nur, dass ich nicht alles undifferenziert über einen Kamm schere. Schwarzweißdenken funktioniert nur in Amerikanischen Spielfilmen, nicht im echten Leben.
Ich werde gerade zu der Person, die mir als Kind gefehlt hat und als die ich mir selbst zur Seite stehe. Es ist ein andauernder Prozess, manchmal quälend langsam. Die Frage aber, ob ich mit mir selbst klarkomme, die kann ich mit Ja beantworten. Ich komme immer besser mit mir zurecht, vor allem mit meiner Weichheit und mit der schwindenden Scham. Und da gibt es noch die Hände meiner Oma, die mich immer halten werden. Weil sie zu den meinen geworden sind.

Eine solche Oma ist jedem Kind zu wünschen!
(Ich hoffe, ich kann eine solche sein. Auch wenn sich die Verhältnisse in meiner Familie eher harmlos darstellen.)
Ich danke für diese Einblicke und wünsche Ihnen, dass Sie mit ihrer Genesung (wenn man das so sagen kann) erfolgreich weiter voranschreiten.
Es gibt so Geschichten, ernste, furchtbare, zu denen kann man erst eimal nicht viel sagen. Und will sie aber doch nicht wie ungehört/ungelesen verhallen lassen. Sie scheinen auf einem guten Weg, das freut mich sehr.
Ich denke seit dem Lesen vor ein paar Tagen an diesem Post herum und bin nach wie vor sprachlos. Ich wollte aber zumindest diese Rückmeldung hierlassen. Es tut mir so leid, was Du mitmachen musstest (und wie und dass du immer noch so sehr damit zu kämpfen hast.)